Gewaltige Drachen, heiße Feuerfürsten, tanzende Trolle und sabbernde Schlangen: Besuchen Sie mit uns längst vergessene Orte und tauchen Sie ein in die Welt der Klassik-Schlachtzüge.

von Maria Melhorn

Am 09.November 2004 konnten europäische Spieler der »World of Warcraft-Beta« zum ersten Mal »Schlachtzugs-Luft« schnuppern. Der Schlachtzugs-Boss »Onyxia« und die 40-Mann-Herausforderung »Der geschmolzene Kern« öffneten auf den Beta-Servern ihre Pforten. Am 11.Februar 2005 startete für alle anderen begeisterten Fans das offizielle Spiel. Tausende Spieler stürzten sich auf ein und dieselben Gegner und Aufgaben, um schnell die 60 Stufen zu erklimmen und das sogenannte »End-Game« zu genießen. Mit blitzender Rüstung und großen Augen stürmten Gruppen aus 40 Spielern die Höhlen der gewaltigen Monster und wurden vorerst auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ein Schlachtzug erfordert Organisation, Taktik und Disziplin… nicht nur 60 Stufen.

Auf die Plätze, fertig, los

C´thun versteckt sich tief im Tempel von Ahn´Qiraj und bekommt nur die wenigsten Spieler zu Gesicht... denn er ist zu Klassik-Zeiten der ultimative End-Boss.

Ein gut organisierter Schlachtzug im sogenannten »Vanilla-WoW« (Klassik-WoW) benötigt zuallererst einen guten Schlachtzugs-Leiter: Der Chef der Truppe organisiert, schlichtet, teilt ein und auf und um, behält den Überblick und spielt seine eigene Klasse im Schlachtzug. Der durchschnittliche Teilnehmer hat pünktlich und aufmerksam online zu sein, seine Taschen sind prall gefüllt mit Tränken, Verbänden und eventuellen Brot und Seelensteinen für den kompletten Schlachtzug. Beides hat Vor-und Nachteile: Natürlich kann der Leiter nicht einfach 39 willkürliche Spieler einladen. Für einen Schlachtzug gibt es eine feste Anzahl an Plätzen für die jeweiligen Aufgaben. Je nach Boss wurden 1-3 Brecher (in sogenannte »Haupt-Tanks« und »Neben-Tanks« unterteilt) und zwischen 6 und 10 Heiler benötigt. Krieger waren zu dieser Zeit am besten für den Job als Brecher geeignet. Ein Priester war damals die Heil-Klasse schlechthin, der Schamane hingegen hatte es am schwersten. Heute sind alle Heil- und Brecher-Klassen absolut gleichwertig und in verschiedenen Rollen am besten einsetzbar. In dieser Hinsicht hat Blizzard dafür gesorgt, dass damals bestimmte Klassen unbedingt erforderlich waren – heute ist fast jeder ersetz- und vor allem austauschbar. Ob das eine positive oder negative Veränderung ist… das kommt auf den Spieler an.

Wenn 40 Spieler durcheinanderreden…

… ist Trubel vorprogrammiert. Schon zu Klassik-Zeiten versammelte sich der Schlachtzug auch im Teamspeak (ein Programm zur Kommunikation untereinander über Headset) um die Taktiken zu besprechen, auf Anweisungen des Leiters zu reagieren oder einfach um zu plaudern. Wobei Plaudern während des Boss-Kampfes in den meisten Schlachtzügen strikt verboten war – stellen Sie sich einfach 40 Spieler vor, von denen mindestens 15 gleichzeitig versuchen zu sprechen, weitere 5 versuchen die ersten 15 zu übertönen und der Leiter liegt bereits vollkommen fertig und mit Kopfschmerzen am Boden, weil niemand seine Ansage verstehen konnte. Disziplin im Teamspeak ist in einem so großen Schlachtzug unbedingt erforderlich.

Und wenn 40 Spieler leise sind…

… konnte ein so großer Schlachtzug wahre Heldentaten vollbringen. Nach wochen- oder monatelangem Probieren eines Bosses, unzähligen Versuchen und durchschnittlich 2-5 Schlachtzugs-Tagen pro Woche, endlich der lang ersehnte Tod des Gegners. 40 Spieler halten ihren Atem an, der Leiter zählt die Prozente des mörderischen Ungetüms runter… alles wartet auf das erhoffte Klatschen des Gegners – vorzugsweise auf den Boden. Und dann! Der Boss ist tot, das Warten hat ein Ende, Woche für Woche harte Arbeit wird belohnt. 2-4 lila Gegenstände warten auf den 40-Mann-Schlachtzug und das Jubeln im Teamspeak nimmt kein Ende. So eine Stimmung finden wir heute leider selten. Wenn sich ein Boss ein paar Tage hartnäckig wehrt so wird ein wenig an der Aufstellung geschraubt, eine andere Taktik ausprobiert und dann liegt auch dieser Bösewicht.

Loot? Egal, der Boss liegt!

Der erste richtig große Endgegner in World of Warcraft: Ragnaros, Feuerfürst im geschmolzenen Kern.

Keine zwei Sekunden nachdem der Boss auf dem Boden aufgekommen ist ertönt heute aus dem Teamspeak die Frage »Und, was ist drin??«. Im Jahr 2005 teilten sich 40 Spieler durchschnittlich 3 lila Gegenstände pro Boss. Da gehörte es zur besonderen Ausnahme »mal wieder« einen Gegenstand zu bekommen und die Freude war umso größer. In sehr kleinen Schritten verbesserte sich der gesamte Schlachtzug um immer größere und schwierigere Bosse legen zu können und die meisten waren zufrieden. Natürlich gab es auch in einigen der alten Schlachtzüge Streit und Unmut. Bei durchschnittlich 10 Heilern in einem Schlachtzug und pro Abend 2-4 Gegenständen für diese Kategorie kann es schon einmal Streit geben. Wo heute einige Schlachtzüge fair und ruhig abwechselnd Beute verteilten, so ging es damals nicht immer so friedlich zu. Die Beute war für einige Spieler zu wertvoll und vor allem selten um sie Tag für Tag und Woche für Woche an sich vorbeiziehen zu sehen. Doch dafür gab es eine gute Lösung – Punkte sammeln.

 

Zockerjargon

Who is who?
Begriff Erläuterung

Caster

Zauberer
DD/Damage-Dealer Schadensklasse
Melee Nahkämpfer
Mob Gegner
MT/Main-Tank Haupt-Tank
OT/Off-Tank Neben-Tank
Pat Patrouille
Pet Begleiter/Kreaturen von Jägern und Hexenmeistern
PM Plünder-Meister
Raid Schlachtzug
Random Zufälliger Spieler
Supporter Unterstützende Klasse
Trash Gegner auf dem Weg zum Boss
Buff´s please!
Begriff Erläuterung
GS Gesundheitsstein
MDW Mal der Wildnis
SDK Segen der Könige (seit 4.0.1 wie MDW)
SDM Segen der Macht (inkl. dem alten SDM)
SDR Segen des Refugiums (Früher war SDR die Abkürzung für den Segen der Rettung, der aus dem Spiel entfernt wurde.
SDW

Segen der Weisheit (seit 4.0.1 in SDM integriert)

SS Seelenstein
Stam Machtwort: Seelenstärke
Klassik-Schlachtzüge
Abkürzung Erläuterung
AQ 20 Die Ruinen von Ahn’Qiraj (20 Spieler)
AQ 40 Der Tempel von Ahn’Qiraj (40 Spieler)
BWL Pechschwingenhort (Blackwing Lair) (40 Spieler)
MC Der Geschmolzene Kern (Molten Core) (40 Spieler)
Naxx Naxxramas (40 Spieler)
Ony Onyxia (40 Spieler)
ZG Zul’Gurub (20 Spieler)

Punkt für Punkt ans Ziel

Fast jeder Spieler kennt es – das DKP-System! Doch so bekannt dieses System auch ist, so heiß diskutiert ist es ebenso. DKP bedeutet »Dragon Kill Points«: Für jeden getöteten Boss werden Punkte an jeden Teilnehmer des Schlachtzuges verteilt. Wird ein Boss zum ersten Mal getötet, ist ein Abend besonders anstrengend oder erfolgreich oder hat sich ein Spieler durch gewisse Taten herauskristallisiert, so werden DKP-Punkte vergeben. Diese Punkte dienen im Schlachtzug als Währung und können von den Spielern eingesetzt werden, um an den heiß ersehnten Gegenstand zu kommen. Ob durch Festpreise, Mindestpreise und Bieten, ausschließlichem bieten öffentlich oder geheim – das handhabt jeder Schlachtzug anders. Verhalten sich die Teilnehmer jedoch undiszipliniert oder kommen zu spät, so gibt es oftmals Punkteabzug. Zu Klassik-Zeiten nutzten fast alle größeren Schlachtzüge dieses System, fairer war die Plünderung kaum zu organisieren. Das war für Gelegenheitsspieler jedoch das absolute Aus, denn sie hatten bei diesem System stets schlechte Karten. Heute teilen viele Schlachtzüge die Beute einfach fair untereinander auf, wechseln sich ab, führen Wunschlisten oder Klassenleiter teilen die Rüstungen und Waffen auf die einzelnen Spieler auf. In der Hinsicht ist die Spieler-Gemeinschaft im Laufe der Jahre deutlich offener und lockerer geworden.

Mit Feuer spielt man nicht… oder doch?

Die ersten beiden Schlachtzüge in World of Warcraft waren der geschmolzene Kern und Onyxia. Im geschmolzenen Kern hinterlassen die Gegner das erste »Tier-Set«, welches aus 8 Teilen besteht. Ein Paladin erstrahlte zu dieser Zeit noch in golden glänzender Rüstung und Druiden waren ihrem Volk entsprechend als Bäume getarnt – ein echter Hingucker. Im geschmolzenen Kern gab es den ersten legendären Gegenstand – das Schwert Donnerzorn, gesegnete Klinge des Windsuchers. Dieses ging zuerst an den »Haupt-Tank« des Schlachtzuges, denn monatelange Arbeit und vor allem viel Plünder-Glück bei den Bossen ist damit verbunden. Mit der neuen Rüstung geht es auf zu Onyxias Hort in den Tiefen der Düstermarschen. Die alte Drachen-Dame hinterlässt den Spielern eine begehrte 18-Platz-Tasche, jede Menge Reichtum und die Kopfbedeckung des nächsten Sets »T2«. Den Rest dieses Sets gab es nur im Pechschwingenhort, der nächste Schlachtzug der für viele Spieler schon eine echte Herausforderung war. Im Laufe der Monate öffneten weitere Schlachtzüge ihre Tore: Die 20-Mann-Herausforderungen »Zul´Gurub« und »Ruinen von Ahn´Qiraj« für kleinere Gilden und die beiden großen Schlachtzüge »Tempel von Ahn´Qiraj« und »Naxxramas«. Bis zur ersten Erweiterung »Burning Crusade« haben nur sehr wenige Gilden Naxxramas von innen gesehen, denn diese Bosse waren nur etwas für wirkliche Profis.

»Pimp my Boss«

Die alte Drachen-Dame Onyxia ist seit einiger Zeit ein Stufe-80-Schlachtzug mit neuen Belohnungen.

Tag für Tag sitzen Ragnaros, Magmadar und Baron Geddon im geschmolzenen Kern zusammen und langweilen sich. Niemand stattet den alten Herren einen Besuch ab um an ihre epische Beute zu gelangen – alle Spieler sind auf der Jagd nach lila Stufe-80-Gegenständen. Die alte Dame Onyxia war besonders einsam und wurde von ihrer Langeweile bereits erlöst. Am 23.09.2009 fassten sich die Entwickler ein Herz und putzen den Drachen ordentlich heraus, um ihn Charakteren der Stufe 80 vor die Nase zu setzen. Ein neuer Schlachtzug war geboren. Am 27.08.2004 in der World of Warcraft-Beta werden die Todesminen von Blizzard noch »berüchtigte Todesminen« genannt, gruselig oder? Heute schmunzeln wir darüber, doch damals war dies durchaus eine ernstgemeinte Beschreibung des ersten Dungeon der Allianz in Westfall. Spieler die erst später mit dem Spiel begonnen haben, kennen mitunter diese »berüchtigten Todesminen« gar nicht mehr. Blizzard schafft Abhilfe: Mit der neuen Erweiterung Cataclysm, die am 7. Dezember erscheinen wird, werden die Todesminen (Allianz) und die Burg Schattenfang (Horde) eine heroische Stufe-85-Version erhalten. Daumen hoch für diese Neuauflagen der Klassik-Zeiten!

 

Anekdoten früherer Zeiten

  • Zu Klassik-Zeiten »Haupt-Tank« in einem Schlachtzug zu sein war ungefähr genauso gut wie ein 6er im Lotto: In den meisten großen Gilden wurde dieser zuerst und am besten ausgestattet und von allen Seiten unterstützt – Er gehörte in die Gruppe 1. Der beste Heiler des Schlachtzuges und meistens auch der Leiter der Truppe befanden sich ebenfalls in dieser Gruppe. Die Eins ist nicht nur eine willkürliche Zahl, zu Klassik-Zeiten war es durchaus ein Statussymbol. Priester in Gruppe 8 zu sein ist gelinde gesagt nicht gut gewesen.
  • Es wurde kein Recount und WWS-Vergleich im Internet nach dem Schlachtzug erstellt: Boss tot und Schlachtzug am Leben ist gleichbedeutend mit »Wir waren super!«.
  • Die Durchschnittliche Dauer eines Boss-Kampfes lag damals bei mindestens 10 Minuten, ein Kaffeekränzchen ist somit vorprogrammiert.
  • Geddon im geschmolzenen Kern ist ein wirklich lustiger Geselle: Nachdem dieser Boss meistens durch ein Jäger-Tier zum Schlachtzug gezogen wurde verzauberte er gelegentlich einen zufälligen Spieler in eine Bombe… wenn dieser Spieler nicht auf Zack war (oder Probleme mit der Latenz hatte) und das Weite gesucht hat… dann konnte es sein, dass gleichzeitig 39 (der Brecher stand woanders) Spieler in die Luft gegangen sind. Dann wurde es wirklich laut im Teamspeak, das können wir Ihnen sagen.
  • Der wohl bekannteste Spruch in Sachen Klassik-Bosse ist »Mehr Dot´s, mehr Dot´s«. Die Drachen-Dame Onyxia fliegt im Laufe des Kampfes in die Luft und ist nur noch von Fernkämpfern angreifbar. Sie bleibt so lange in der Luft und schikaniert den Schlachtzug mit ihren Welpen, bis die Fernkämpfer eine bestimmte Prozentzahl des Bosses erreicht haben. Waren zu wenige Fernkämpfer dabei und dauerte diese Phase zu lange, kam regelmäßig der Aufruf «Mehr Dot´s, mehr Dot´s» («Schaden über Zeit-Zauber») aus den Boxen.
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